Geschichte einer Kampfsport-Dissertation

Links zum Buch: [Das Buch] · [Einführung] · [Inhaltsverzeichnis] · [Zeitungsartikel] · [Rezensionen]


[Der Anfang] • [Rolle der Fachzeitschriften] • [Logische Gliederung des Kampfsports] • [Mechanik der Techniken] • [Der Weg zur Dissertation]


Der Anfang

Meine ‘Karriere’ als Lehrer für Kampfsport begann im Januar 1990, als Trainer der von mir mitbegründeten Arnis Hochschulgruppe in Aachen. Im Laufe der Jahre fanden sich immer wieder neue Interessenten für den philippinischen Stockkampf namens Arnis, die aber leider oft von der gleichen, kritischen Sorte waren und alles zu genau wissen wollen: Studenten des Maschinenbaus (wie ich), der Elektrotechnik oder der Physik, die sich von Sätzen wie “… das hat der Großmeister so gezeigt …”, “… wenn Angriff Nr. 2065/2 kommt …” oder die Trinität des Schwachsinns “Das haben wir schon immer so gemacht … Das hat noch nie funktioniert … Da könnte ja jeder kommen” nicht beeindrucken ließen.

Also brauchte ich Erklärungen, die jegliche Verantwortung für die Konstruktion von Kampftechniken auf eine höhere Macht abwälzten, an die der intellektuell einfach strukturierte Ingenieur ebenso widerwillig wie bedingungslos glaubt: Die Mechanik.

Ich habe dann versucht, hinter den Techniken und Ideen, die ich auf zahlreichen Lehrgängen der unterschiedlichsten Stile sah, ein System zu entdecken. Dies war nicht ganz einfach, denn als ich noch ganz am Anfang stand, fragte ich mich immer wieder, ob es überhaupt eine Systematik geben kann, denn in der ‘Kampf-Szene’ verunsicherten mich immer wieder die gleichen Merkwürdigkeiten, die ich lange Zeit nicht richtig zu deuten wußte:

  • Da sind einerseits die Ausbilder, die mit viel Einsatz das Technikprogramm ihres Stils weitergeben, deren einzige Informationsquelle die mündlichen Aussagen der eigenen Lehrer sind - und das in einer Kultur, in der erst das geschriebene Wort als Träger eines vertrauenswürdigen und stabilen Wissens anerkannt ist.
  • Wohin man blickt: Überall gibt es große Meister, mit vielen und wichtigen Graduierungen, aber meist ohne eine Vita, die man als ernsthaften kampfsportlichen Lebenslauf betrachten könnte.
  • Kampfsport-Filme (‘Eastern’) vermitteln ein intensives Bild von dem, was man alles erreichen kann, ohne das dann praktische Erlebnisse in der Realität diese Vorstellungen korrigieren könnten.

Das die Kampfsportarten aus wissenschaftlicher Sicht ein eher unerforschtes Gebiet sind, liegt auch an den ‘Fachzeitschriften’, die journalistisch gesehen den einfachsten Weg gehen und sich sich nicht mit so Dingen wie ‘Verbraucherschutz’ abgeben. Statt dessen sehen sie über die kleinen und großen Gaunereien, wie z.B. Meister, die sich ihre Urkunden selbst verleihen, großzügig hinweg.


Die Rolle der Fachzeitschriften

Die ‘Fachzeitschriften’ vergessen vor allem die Ausbilder. Sie berichten über Themen, die den wundergläubigen Anfänger natürlich ungeheuer interessieren. Sie stellen in fast jeder Ausgabe einen Meister vor, der angebliche Schwächen bekannter Stile behoben hat und daraus seinen eigenen Stil komponierte (‘Das Beste aus …’), der natürlich viel besser ist - bis auch dieser Meister wieder einen Schüler hat, der mit den gleichen Absichten wieder einen neuen Stil erfindet.

Die Themenauswahl der Fachzeitschriften erinnert meist an an eine Jugend- oder Frauenzeitschrift: Alles tolle Meister, alles tolle Techniken! Da ist der neue Dan für den Meister natürlich völlig verdient. Bilderserien - eigentlich für das unbewegte Printmedium ungeeignet - sollen Techniken vorstellen, die -für was auch immer- gut sind.

Die Verkaufszahlen der Fachzeitschriften sind entsprechend - eine interne Zahl, die mir einmal in die Hände fiel, spricht für die bekannten deutschen Zeitschriften von Verkäufen im vierstelligen Bereich je Ausgabe!

Dies ist ganz offensichtlich die Folge davon, dass man die Ausbilder, also die Multiplikatoren, die man für gute Geschäfte eigentlich braucht vernachlässigt. Der Lebenszyklus eines Zeitschriftenkäufers sieht dann so aus: Ein Anfänger kauft die Zeitschrift. Zunächst ist alles neu und interessant. Doch Art und Inhalte der Berichte ändern sich kaum, nach einem Jahr ahnt der Anfänger nach den ersten Zeilen eines Berichts, wie der Bericht endet. Irgendwann ist der Anfänger ein Fortgeschrittener und die Fachzeitschriften können ihm nichts mehr Neues bieten. Es stellt sich zuerst Ermüdung und dann Ablehnung der Zeitschrift ein. Wenn der Fortgeschrittene dann Ausbilder ist, gibt es viele Anfänger, die auf ihn hören. Und was hören die Anfänger, wenn sie ihren Ausbilder nach einer Fachzeitschrift fragen oder der von selbst darüber redet!

Die Fachzeitschriften entziehen sich selbst ihre Grundlage, doch was könnten sie besser machen! Nun, die Meinung der Ausbilder zählt in deren Schule. Wenn sie mit einer Zeitschrift zufrieden sind, werden sie öfter darüber reden und Anfänger/Fortgeschrittene werden sie kaufen. Dazu muß man natürlich die üblichen Hurra-hier-ist-noch-ein-toller-Meister-Berichte mit Ausbilderthemen ergänzen, und deren gibt es viele, z.B.

  • Die Gründung einer Schule / eines Vereins: Bürokratischen Hürden, rechtliche Fragen zur Haftung, Vertragsgestaltung, aktuelle Urteile, Umgang mit Banken und anderen Geldgebern
  • Unterricht und Umgang mit Menschen: Psychologie und Strategie, Förderung von Talenten, Weiterbildungsangebote.
  • FAQ-Ecke mit Antworten auf typische Fragen von Anfängern und typische Probleme von Ausbildern
  • Bildserien, die nicht nur die richtige Technik zeigen, sondern vor allem beliebte Fehler
  • Tipps zu wirkungsvoller Werbung und gutem Marketing

Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Doch genug von den Begleiterscheinungen des Kampfsports. Kommen wir zurück zum Thema.


Die logische Gliederung des Kampfsports

Als ich begann, naturwissenschaftliche Erklärungen für sinnvolle Kampftechniken zu suchen, fiel mir bald auf, daß viele spezielle Techniken in einem System besonders gut geeignet, in einem anderen System besonders schlecht geeignet waren. Gleichzeitig war einfach keine Ordnung in die Stile zu bringen, denn es gab eine große Palette von Techniken, aus der jeder Stil einen Teil auswählte, aber scheinbar ohne System.

Ich brauchte lange, um das zu erkennen, was wirklich wichtig war:

  1. Stile unterscheiden sich nicht nach der Herkunft, sondern nach der Funktion.
  2. Weil ein solches funktionsorientiertes Modell bisher nicht bekannt war, gibt es natürlich viele Stile, die in dessen Sinne nicht sauber strukturiert sind.

Kernpunkt des ist, daß Stile, die intensiv auf Wettkampf ausgerichtet sind, ‘selbstoptimierend’ sind, ein Boxer wird sich kaum mit Low-Kicks, Schlagpolstern für die Abhärung der Hände oder mit Formen abgeben - damit gewinnt er keine Kämpfe und wenn es im Kampf nicht funktioniert dann wird er keine wertvolle Trainingszeit darauf verschwenden.

In dem weiten Feld der Selbstverteidigung sind die Techniken nur selten und unsystematisch überprüfbar daher muß man an diesen Bereich anders herangehen. Hier hat mir die Aufteilung in drei wichtige Bereiche geholfen:

  • Selbstverteidigung: Es reicht wenn der Gegner aufhört oder flüchtet. Das Opfer ist froh, wenn der Kampf vorbei ist. Was will man hier beispielsweise mit Hebeltechniken!
  • Polizeiliche Eingriffstechniken: Wenn mehrere Sicherheitskräfte einen Straftäter festnehmen, darf der nicht entkommen.
  • Militärische Nahkampftechniken: Wenn der Auftrag das Wichtigste ist, dann ist alles erlaubt. Übrigens lassen sich in diese logische Gruppe auch die Techniken einordnen, die man im Fernsehen immer bei Mafiakillern sieht.

Es gibt noch zahlreiche andere Kriterien, welche diese Unterteilung stärken, z.B. die rechtliche Seite oder Waffengebrauch und Motivation der Kämpfer.

Viele bekannte Stile, die sich selbst als Selbstverteidigung bezeichnen, passen nicht in das hier vorgestellte Schema ‘Selbstverteidigung’, sondern sie sind eigentlich eine Mischung aus Sport, Selbstverteidigung und polizeilichen Eingriffstechniken.


Mechanik der Techniken

Mit dieser Strukturierung war es dann viel leichter, den Sinn von Techniken zu untersuchen. So erschließen oft einfache geometrische Betrachtungen, warum ein hoher Tritt nicht so wirkungsvoll sein kann, wie ein horizontaler Tritt oder welche Körperhaltung bei bewaffneten Gegnern ziemlich ungünstig ist oder warum man beim Stockhieb die Schulter vornehmen sollte. Komplexer sind dagegen Herleitungen, warum ein Bruchtest mit frei fallendem Brett nicht nur (bekanntermaßen) einen schnellen Schlag erfordert, sondern auch noch die doppelte Kraft auf die Finger wirken läßt.

Eine einfache Analyse von Schützern wiederum zeigt, wie sie funktionieren, und warum man zum Stockkampf andere Schützer auf den gleichen Körperteilen braucht, wie beim waffenlosen Kampf.

Die Schwerkraft gibt unsere Bewegung vor und eigentlich ist es auch hier wieder ganz einfach die Leistungsfähigkeit von Ständen zu analysieren und die Hintergründe von Bruce Lees Inch Punch zu verstehen, oder warum Boxer am Boden so schlecht sein müssen.

Immer wieder gerne wird die Behauptung wiederholt, daß für die Schlagkraft die Energie zuständig ist. Und weil bei der Energie E = ½·m·v2 ist, kommt dann das Ergebnis, das doppelte Geschwindigkeit viermal soviel zur Schlagkraft beiträgt, aber doppelte Masse nur doppelte Schlagkraft bringt … Doch was ist Schlagkraft überhaupt? Wenn man sie versteht, dann läßt sich leicht zeigen, wo Schlagkraft-Tester überhaupt sinnvoll sind und welche Aussagen sich über den Körpereinsatz daraus herleiten lassen. Gerade letzteres ist Gegenstand eines von mir angemeldeten Patentes.


Der Weg zur Dissertation

Meine Analysen habe ich aufgeschrieben und im Laufe von fast zwei Jahren entwickelt. Ich wollte das Ganze als Buch herausgeben und machte mich im Herbst 97 auf den Weg zur Frankfurter Buchmesse. Meine Gespräche mit verschiedenen Verlagen haben allerdings stets die gleiche Reaktion ausgelöst: Das ist zu kompliziert, das lesen die Kampfsportler doch nicht.

Dann hatte ich das, was ich selbst erst als reine Schnapsidee eingestuft habe. Ich ging Ende 97 zur Deutschen Sporthochschule in Köln. Im Studentensekreteriat fragte ich nach dem Professor, der für Kampfsport zuständig wäre. In der Tat gab es einen, der das Institut für Kampf- und Schwimmsport leitete, doch der freundliche Herr im Studentensekretariat gab mir eine Liste von Lehrstühlen und Professoren und kreuzte die Namen von zwei Biomechanik-Professoren an.
Unschlüssig, welchen der beiden ich ansprechen sollte, ging ich dem Alphabet nach und suchte Prof. Baumann auf - nach einem kurzen Gespräch nahm er meine Arbeit entgegen und versprach, sie zu lesen, auch wenn er etwas in Zeitnot wäre. Trotzdem kam er sehr schnell zu dem Ergebnis, das die Arbeit eine gute Basis für eine Dissertation wäre ...

Er riet mir, einige Punkte aus meiner Arbeit herauszunehmen und sie durch Versuche zu überprüfen - so entstand dann Kapitel 4 und das bereits erwähnte Patent.

PromotionsurkundeSeiner ausdauernden Unterstützung und der von Prof. Eßfeld (Physiologie, für das Promotionsverfahren ist ein zweites Prüfungsfach erforderlich) habe ich es zu verdanken, dass meiner Arbeit als Dissertation in den Rang einer wissenschaftlichen Forschungsarbeit erhoben wurde, denn die Promotionsordnung verlangt "Die Dissertation muß die Fähigkeit des Bewerbers zu selbständiger wissenschaftlicher Arbeit erkennen lassen und soll einen Fortschritt auf dem Gebiet der Sportwissenschaften bedeuten".

Überraschend fand ich dann allerdings, wie schlicht die Promotionsurkunde der Deutschen Sporthochschule dann aussah:
Nur ein einfaches Blatt Papier mit einem Prägestempel - ein Ingenieur sagte mir, daß seine Promotionsurkunde ähnlich ausgesehen habe.

Ein Schelm, wer dieses Papier mit so mancher prunkvollen Meister-Urkunde aus dem Kampfsport vergleicht ... :-))