Sehr geehrter Autor,
zunächst möchte ich mich bei Ihnen noch einmal für Ihre Mühe und die beiden Artikel bedanken. Wie in unserem letzten Gespräch bereits angedeutet, besteht die Möglichkeit, daß mindestens eine Ihrer beiden Arbeiten nicht veröffentlicht werden kann, was verschiedene Gründe, wie z.B. Platzbedarf oder das redaktionelle Gesamtkonzept des Magazins, haben kann. Ohne den Platzbedarf, thematische Stringenz oder die grammatikalische Konkludenz geprüft zu haben, und unter Hinweis auf die schwere Bürde meiner redaktionellen Gesamtverantwortung, möchte ich Sie an dieser Stelle davon in Kenntnis setzen, daß ich die Veröffentlichung Ihres Beitrages "Verhalten von Übungsleitern" für eine spätere Ausgabe vorsehen muß (Klar, Übungsleitern, also Leitern zum Üben, gibt's bei OBI, nicht bei uns - Hahahaha!).
Bis zu diesem Zeitpunkt bitte ich Sie - verstehen Sie das bitte als freundschaftlichen Rat, nicht als Beckmesserei - einigen Punkten in diesem Artikel besondere Aufmerksamkeit zu schenken:
Die Rechtsschreibung ordnet sich manchmal zu sehr dem Inhalt unter. So sollte z.B. die Frage "wie bringe ich das rüber" besser "Wie bringe ich das 'rüber?" geschrieben werden, da Ihre Frage nach einem Doppelpunkt beginnt, vor einem neuen Satz endet und somit der Leser zu Recht und mit Spannung (24 V, Hahahaha!) auf ein Fragezeichen wartet. Darüber hinaus unterminieren Sie oft die Bedeutung des "ß" in unserer Kultursprache, indem Sie es durch "ss" substituieren. Wenn Sie den Leser immer wieder mit überraschend neuen Sichtweisen unserer Schriftsprache konfrontieren, lenken Sie ihn dabei möglicherweise vom Inhalt Ihres Traktates ab.
Auch die inhaltliche Darstellung läßt Wünsche bezüglich der Klarheit Ihrer Intention offen, was ich an einigen Beispielen belegen möchte. Da ich Sie kenne, weiß ich natürlich, daß Sie nur in bester Absicht schreiben, und die von mir vorgelegten Schlüsse nicht Ihrem tiefsten Inneren entsprechen. Dennoch möchte ich hier erwähnen, daß auch ich ein wenig vom Fach bin. Daher glaube ich, die Wirkung Ihrer Darstellung beim Leser ein wenig einschätzen zu können. Im Einzelnen möchte ich folgende Punkte erwähnen:
3. Abatz "Auch wenn das eigene Training super ist ... und das der Kollegen überhaupt nichts taugt...": Hier wird zweifelsfrei Ihre eigene Überzeugung zu dem Postulat, daß immer, wenn Sie das Training der Kollegen Scheiße finden, auch automatisch genügend Doofe entstehen, die ihnen (=den Kollegen, daher 'ihnen' klein geschrieben) nachlaufen.
4. Absatz "Man spielt auch die Rolle eines Animateurs, Schauspielers, ...Showmasters...": Gerade die Verwendung dieser drei Begriffe zur Darstellung eines Lehrers muß ich im Namen aller seriös unterrichtenden Lehrer der Kampfkünste wie auch der Kampfsportarten mit aller Entschiedenheit zurückweisen. Nach Ihrer Darstellung müßte ein Training wie bei Harry Wijnvoort ablaufen: "Und da haben wir schon wieder eine dolle Tächnik". Ein Animateur oder Showmaster ist jemand, der lustlose Schüler mit billigen Spielchen immer wieder aus der Langeweile zu ziehen trachtet. Fragen nach dem Trainingsinhalt beantworten dann die Animateurs-Schüler später durch gebetsmühlenhaftes wiederholen der inhaltsarmen Formel "Wir haben viel Spaß gehabt". Ein echter Lehrer fördert und fordert. Er leitet die Schüler an, damit sie auch dann weitermachen und den "inneren Schweinehund" bekämpfen, wenn es ihnen keinen Spaß mehr macht, und sie fix und fertig sind. Das Erziehen zur (Selbst-)Disziplin ist nicht Aufgabe eines Animateurs, wohl aber die eines Kampfsport/-kunst-Lehrers, denn eine erfolgreiche Selbstverteidigung oder Wettkampfteilnahme ist nur mit Disziplin, nicht aber mit Müßiggang zu erreichen.
5. Absatz "Motivation": Wenn Sie dem Leser sagen wollen, daß Motivation synonym zu Urantrieb zu verwenden ist, sollten Sie das auch schreiben. So aber hat der erste Satz mehr redundanten Charakter, für den Fall, daß sich beim ersten Lesen Ihres Textes einige Buchstaben vom Blatt gelöst haben. Das von Ihnen im gleichen Absatz bemängelte Redeverbot kann im bereits erwähnten Sinne einer Erziehung zur Disziplin durchaus sinnvoll sein.
Die ausführliche Wiedergabe von "Witzen" wird vom Leser eher als Versuch der Anbiederung in einem ansonsten freudlosen Geschreibsel empfunden, da Sie ja im übrigen Text mit Beispielen dieser Konkretizität außerordentlich geizig sind.
6. Absatz "Kritik am Übenden": Nach dieser Kumulation von paralysierenden Selbstverständlichkeiten und Petitessen, die in der mit der Empfehlung einer bedarfsgemäßen Wiederholung von Übungen kulminiert, halten Sie mit dem Satz "Wird derselbe Fehler von vielen gemacht..." den lehrenden Leser leider nicht zur Selbstkritik an. Diese erfolgreiche Technik sicherte dem Klosterschüler und großen Diktator Josef Wissarionowitsch Stalin fast 30 Jahre Herrschaft über die Sowjetunion, und wir alle kennen ja noch den Kampfschrei der Linken: "Von Stalin lernen heißt Siegen lernen". Nach meiner persönlichen Auffassung sind die Schüler das Spiegelbild ihres Lehrers. Sollte sich im Trainingsbetrieb eine überproportionale Genesis von Bewegungsmusterfalsifikaten einstellen, so ist das zuweilen auf die Schlampigkeit des Lehrers zurückzuführen.
Schlußendlich müssen sich doch beim Leser Zweifel an Ihrer pädagogischen Eignung einstellen, wenn Sie einerseits Nichtbeachtung als eine Form der Kritik bezeichnen, aber im nächsten Satz für das nicht-links-liegen-lassen von Schwerunterrichtbaren plädieren. Ja was denn nun: Links neben den liegenden Langsamdenker stellen und dann demonstrativ die Luft aber nicht Ihn beachten? Bitte klarifizieren Sie das.
7. Absatz "Kritik am Trainer": Daß es sich um "Ihre" Leute handelt, sollte Sie verpflichten und Stolz machen. Statt dessen schütteln Sie diese Verantwortung mit ein paar Gänsefüßchen ab. Ihre Leute sind Ihre Komplizen, nicht Ihre Sklaven. Möglicherweise sollten Sie auch das Textverarbeitungssystem wechseln, damit sie entsprechend nuancierte Inhalte dem Leser auch kursiv, fett oder durch Versalien visualisieren konnen.
Der im gleichen Absatz propagierte, verwerfliche Alkoholismus ist ganz klar zu bekämpfen. Das von Ihnen vorgeschlagene, ethanolkontaminierte Getränk behindert die Versorgung von Nervengewebe mit Vitamin B12, was sich z.B. in schwindendem Gleichgewichtsgefühl und dauerhafter Schädigung von Nerven zeigt.
8. Absatz "Lob": Sie unterschlagen einen ganz wichtigen Punkt, der manchmal gegen öffentliches Loben spricht. Wenn der Übungsleiter normalerweise den Stil eines Animateurs pflegt oder sonst wie den nötigen Ernst im Training vermissen läßt, kann ein öffentliches Lob vom Gelobten als Tadel mißverstanden werden.
9. Absatz "...versuchen, die vorherrschende Stimmung zu erspüren...": Auch hier kann man auf das zum Animateur gesagte verweisen.
Ich bin sicher, daß Sie mir nach ausführlicher Würdigung meiner Einwände danken werden, daß ich Ihnen die Peinlichkeit einer öffentlichen Diskussion Ihres ansonsten sehr sorgsam erarbeiteten Artikels erspare.
Mit spöttischen Grüßen
R. Pfeifer